Arthur Henkel (1915-2005). Zur Person.

 

Ein Buch in Klein-Oktav, als Leihgabe, war zunächst nur eine Leseerfahrung unter vielen. Aber sie hatte Folgen. Denn die Genesungszeit mit langen isolierten Liegekuren, die 1936 und 1940 eine Lungenkrankheit auskurieren sollten, gab Arthur Henkel die Gelegenheit zu lesen, was irgendwie erreichbar war. Darunter ein Band von Friedrich Roths Ausgabe der Schriften Johann Georg Hamanns. Viele Jahre später wird Henkel die gesamte Ausgabe, in der raren Vollständigkeit der acht Bände, für seine Bibliothek erwerben. Ebenso rar dürften in der isolierten Lage Gesprächspartner über den stets mit dem Beiwort dunkel charakterisierten Hamann gewesen sein. Der Anreiz, ihn besser verstehen zu können, blieb. Denn, wie es in einem späteren Aufsatz Henkels (Wandrers Sturmlied) heißen wird: dunkle Gedichte sind die Lust des Philologen. Je verschlüsselter, desto mehr reizen sie zum hermeneutischen Abenteuer. Sich auf die Abenteuer eines Lesers beruflich einzulassen, war nicht das ursprüngliche Ziel des 1915 in Marburg geborenen Sohn eines Bankbeamten. Die Interessen gingen zunächst in Richtung Musik und Theologie, dann studierte Henkel vom Herbst 1934 an Philosophie, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Deutsche Philologie mit dem Schwerpunkt Nordistik in Leipzig, Marburg und Köln. Dort gewann ihn Max Kommerell für die Literatur, und obwohl die eigentliche Schülerschaft gerade ein Semester dauerte, wurde Kommerell der Lehrer, der bestimmend wurde für die eigene Lehre und Forschung. In der Antrittsrede vor der Heidelberger Akademie der Wissenschaften gestand Henkel, dass es, neben der freundschaftlichen Begleitung des Neutestamentlers Rudolf Bultmann vor allem die Privatdozenten waren, die ihm wesentliche geistige Erfahrungen vermittelten: der Musikwissenschaftler Herbert Birtner und die Philosophen Hans Georg Gadamer und Gerhard Krüger. Birtner verdankte er die Einführung in eine strenge Musikphilologie und in die Kompositionen des Mittelalters und der Renaissance. Auch da wirkte eine Krankenbett-Lektüre nach, die des romantischen Dichters Friedrich von Hardenberg. Dessen Überlegungen zu musikalischen Phänomenen glaubte Henkel der Geheimgeschichte des abendländischen Pythagoreismus einordnen zu können, woraus die musikwissenschaftliche Dissertation entstand, mit der Henkel 1941 in Graz (wo Birtner einen musikwissenschaftlichen Lehrstuhl innehatte) promoviert wurde: Die spekulative Musikanschauung des Friedrich von Hardenberg (Novalis). Nach Marburg zurückgekehrt und nun entschlossen, sich für Literaturgeschichte zu habilitieren, setzte sich Kommerell, der inzwischen dorthin berufen war, für Henkels Vorhaben ein. Der NS-Dozentenbund vereitelte diesen Plan. Durch seine Krankheit war Henkel nicht „kriegsdienstverwendungsfähig“ und unter besonderer Beobachtung wegen politischer Unzuverlässigkeit. Weiteren Schwierigkeiten wollte er sich durch ein Auslandslektorat entziehen und bewarb sich bei der Deutschen Akademie in München. Rückblickend war Henkel in gewisser Weise seiner Krankheit dankbar, dass sie ihn davor bewahrte, Soldat werden zu müssen und ihm das Leben rettete, während die meisten seiner Schulkameraden und Altersgenossen nicht mehr zurückkehrten. Aber es bedeutete auch, sich anpassen zu müssen. Um aus Deutschland herauszukommen, eben für ein Lektorat, musste man in die Partei eintreten; schon vor dem Krieg war es ohne Vermögen oder (diplomatische) Beziehungen nicht möglich gewesen, ins Ausland zu reisen. Das „Internationale Lexikon der Germanisten“ führt 1938 als Jahr des Parteieintritts, die Marburger Spruchkammer das Jahr 1940. Zuvor war der „Bund deutscher Bibelkreise“, dem sich Henkel 1925 angeschlossen hatte, 1933 kollektiv in die Hitlerjugend eingegliedert worden. Allein aus dieser Tatsache eine Nähe zum Nationalsozialismus erkennen zu wollen, verbietet sich dem, der auch nur eine gewisse Ahnung hat von dem Zwang, in einer Diktatur leben zu müssen, von selbst.(*)

Bis zu einer Entscheidung über ein Lektorat kehrte Henkel ans Grazer musikwissenschaftliche Institut zurück. Birtner fiel in Rußland, und das Institut wurde 1942 geschlossen, Henkel als Lektor für deutsche Sprache an das Deutsche Institut Paris dienstverpflichtet. Mit dem deutschen Rückzug wurde das Pariser Institut im Sommer 1944 geschlossen. Nach der Rückkehr zu seiner Familie hatte sich Henkel in Marburg an Aufräumungsarbeiten nach Luftangriffen zu beteiligen, reiste als Einkäufer für Eisenwaren durchs Land, gestaltete mit der Kantorei der Universitätskirche vokal und instrumental die samstäglichen Abendandachten und schrieb Literatur-, Musik- und Theaterkritiken, bisweilen auch für die „Frankfurter Rundschau“. Nach der Wiedereröffnung der Marburger Universität im Herbst 1945 übernahm Henkel sogenannte Vorsemesterkurse, war zuständig für Sommer- und Ferienkurse und für das Programm des Studium Generale. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft gewährte 1950/52 ein Habilitationsstipendium, 1952 legte Henkel der Philosophischen Fakultät der Universität Marburg seine Habilitationsschrift Entsagung. Eine Studie zu Goethes Altersroman [Wilhelm Meisters Wanderjahre] vor. Damit begann die Universitätslaufbahn: von 1955 bis 1957 als Dozent und außerplanmäßiger Professor in Göttingen; der Ruf auf ein Extraordinariat der Freien Universität Berlin wurde abgelehnt. 1957 kamen zu gleicher Zeit Anfragen aus Münster und Heidelberg. Seit dem Herbst 1957 lehrte Henkel in Heidelberg, das bis zur Emeritierung 1980 seine akademische Heimat blieb. Spätere Rufe lehnte er ab, 1959 nach Hamburg, nach Frankfurt/Main auf einen neu zu schaffenden Goethe-Lehrstuhl mit Leitung des Freien Deutschen Hochstifts und des Frankfurter Goethemuseums, und Bonn. 1965 wurde Henkel ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften; er war viele Jahre im Auswahlausschuss der Studienstiftung des Deutschen Volkes, u.a. auch Gutachter der Germanistischen Kommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft und anderer akademischen Gremien. Als Gast ausländischer Universitäten in den USA, Großbritannien, Japan und mit vielen Gastvorlesungen in Kanada und halb Europa galt sein Engagement dem internationalen Gespräch über Literatur und Austausch von Wissenschaftlern und Studenten. Das Wiederlesen scheinbar vertrauter Texte –darauf verweist der Titel seiner Kleinen Schriften (mit Goethes Spruch als Motto: Was in der Zeiten Bildersaal jemals trefflich ist gewesen, das wird immer einer einmal wieder auffrischen und lesen) war ihm ein Weg, den möglichen Sinn des dichterischen Wortes zur Evidenz zu bringen, es zu aktualisieren, ohne seine Geschichtlichkeit vergessen zu lassen. Das Lehrangebot hatte Schwerpunkte, Goethe natürlich, Barockzeit und Romantik, ihre Ausstrahlungen auf nachfolgende Epochen, das 18.Jahrhundert und die klassische Moderne, gattungsgeschichtliche Themen, „Weltliteratur“, Lessing, Gottfried Keller und immer wieder Heinrich von Kleist. Unvergessen die Kollegstunde, als Kleists Amphitryon besprochen wurde und Henkel das letzte Wort dieses Lustspiels, Alkmenes Ach in den unterschiedlichsten Färbungen vortrug, von denen jede einen neuen Weg zur Interpretation öffnete. Seine Vorlesungen waren über Heidelbergs Grenzen hinaus berühmt; aber diejenigen, die ihr Studium in den 1970er Jahren begannen, wussten davon nur noch vom Hörensagen. Man ahnte allerdings in den Seminaren, die bald geheim verabredet werden mussten (und später dann in den Kolloquien) ihren philologischen Esprit. In den Zeiten der Studentenunruhen zeigte Henkel Haltung, bis die Aktionen zur „Übernahme oder Zerschlagung der alten Universität“, Blockaden und Störungen die Lehre unmöglich machten. Ganz neu konnte die Erfahrung von Häme, Hetze und Handgreiflichkeiten nicht sein. So blieb Henkels eigentliche akademische Lehre auf ein gutes Dezennium beschränkt. Dennoch mit nachhaltiger Schülerschaft und Wirkung. Dass weiterhin auf dem Schreibtisch Texte zum Wiederlesen lagen, zeigen Redaktion und Planung der Kleinen Schriften, Aufsätze, Vorträge, Tagungs- und Diskussionsbeiträge, und es gab die Arbeit an Johann Georg Hamann und seinem kommentarbedürftigem Briefwerk: Erläuterungen zu leichterem Zugang und Register zur besseren Benutzung sollten die siebenbändige Briefausgabe nach dem Vorbild der Rothschen Ausgabe mit Band VIII vervollständigen. Dieser Plan ging nicht mehr auf.- Ein Satz in Henkels Exemplar der Wanderjahre ist doppelt unterstrichen, mit Ausrufezeichen am Rand. Er findet sich im 2.Teil, Betrachtungen im Sinne der Wanderer, Nr.150. Er lautet: Die Deutschen, und nicht nur sie, besitzen die Gabe, die Wissenschaften unzugänglich zu machen. Ob die Unterstreichung Widerspruch meint oder das Wissen, dass sich hier ein Problem verbirgt? Man darf Goethe und seiner Romanwelt entgegenhalten: es gibt Ausnahmen. Und von der Ausnahme Arthur Henkel war hier die Rede.

 

Eine Auswahl der wissenschaftlichen Schriften:

Editionen und Ausgaben: Johann Georg Hamann Briefwechsel, 7 Bände (1-3 mit W. Ziesemer), Frankfurt/Main [Insel] 1955-1979. -Johann Georg Hamann Briefe. Ausgew., eingeleit. u. m. Anm. versehen. Frankfurt/Main [Insel] 1988; -Novalis, Die Christenheit oder Europa. Mit Nachwort. Krefeld [Scherpe] 1947; -Goethe, Novelle. Mit Nachwort. Krefeld 1947; -Goethe, Die Leiden des jungen Werthers. Mit Nachwort. Krefeld 1949; -Goethe, West-östlicher Divan. Mit Nachwort. Krefeld 1949; -Nachwort zu Goethe, Wilhelm Meister Wanderjahre, in: Goethes Werke in sechs Bänden, Bd.IV. Frankfurt/Main [Insel]; -Nachworte zu Goethe, Wilhelm Meisters theatralische Sendung; Novalis, Heinrich von Ofterdingen; Kleist, Penthesilea, Der Prinz von Homburg, in: Exempla classica. Frankfurt/Main [S. Fischer]; ‒Max Kommerell, Dame Dichterin und andere Essays. Hg. mit Nachw., München [dtv] 1967. -mit Albrecht Schöne, Emblemata. Handbuch der Sinnbildkunst des 16. und 17.Jahrhunderts. Stuttgart [Metzler] 1967, zweite ergänzte Ausgabe 1976, Sonderausgabe 1978; –Johann Heinrich Merck, Werke. Frankfurt /Main [Insel] 1968. –mit Wolfgang Wiemann: Julius Wilhelm Zincgref, Hundert ethisch-politische Embleme, 2 Bände, Heidelberg [Carl Winter] 1986.

Zeitschriften und Reihen: mit Rainer Gruenter: EUPHORION. Zeitschrift für Literaturgeschichte, von 1962 bis 1984; –Mitherausgeber der Reihen: Heidelberger Forschungen (seit 1956). –Herausgeber: Deutsche Neudrucke, Reihe: Goethezeit (seit 1966).

 

Literarhistorische Publikationen:

-Entsagung. Eine Studie zu Goethes Altersroman, Tübingen [Niemeyer] 1954, zweite unveränderte Aufl. 1964;

-Beim Wiederlesen von Gottfried Kellers „Grünem Heinrich“, in: Neue Sammlung,1.Jg., Heft 6, Nov/Dez. 1961;

-Wandrers Sturmlied. Versuch, das dunkle Gedicht des jungen Goethe zu verstehen. Frankfurt/Main (Insel) 1962; = erweiterte Fassung des Erstdrucks des Manuskripts der Heidelberger Antrittsvorlesung in: Die Gegenwart der Griechen im neueren Denken. Festschrift für H.G. Gadamer zum 60.Geburtstag. Tübingen 1960, S.59-67;

-Das Ärgernis Faust, in: Versuche zu Goethe. Festschrift für Erich Heller. Heidelberg [Lothar Stiehm] 1976, S.282-304, wieder abgedruckt in: Goethe-Erfahrungen. Stuttgart [Metzler] 1982, S. 163-179; 

-Kafka und die Vaterwelt, in: H. Tellenbach (Hg), Das Vaterbild im Abendland. II: Literatur und Dichtung Europas. Stuttgart [Kohlhammer] 1978, S.173-191;

-Goethe und die Bilder des irdischen Paradieses. Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-historische Klasse Jg. 1982, Bericht 4. Heidelberg [Carl Winter] 1982;

-Zu Goethes Aufsatz: „Bildungstrieb“ (Ins Japanische übersetzt von S. Hata), in: Morphologia. Goethe und die Naturwissenschaft. Heft 3. Kyoto 1982;

-Goethe-Erfahrungen. Studien und Vorträge. Kleine Schriften I, Stuttgart [Metzler] 1982;

-Der Zeiten Bildersaal. Studien und Vorträge. Kleine Schriften II, ebenda 1983;

-Goethe und Hamann: Ergänzende Bemerkung zu einem denkwürdigen Geistergespräch, in: EUPHORION 77, Nr.4, 1983, S.453-469;

-Erwägungen zur Philemon- und Baucis-Szene im fünften Akt von Goethes „Faust zweiter Teil“, in: Études Germaniques, 38.année, Janvier-Mars 1983,numéro 1;

-Goethe und Hamann. Ergänzende Bemerkungen zu einem denkwürdigen Geistergespräch, in: EUPHORION, 77.Band, 4.Heft Heidelberg [Carl Winter] 1983;

-Zitatspiele Goethes, in: Antike Tradition und Neuere Philologien. Symposion zu Ehren des 75. Geburtstages von Rudolf Sühnel hg. v. H.J. Zimmermann. Heidelberg [Carl Winter] 1984, S.107-125;

-Beim Wiederlesen von Gedichten Hans Carossas, in: Zeit der Moderne. Zur deutschen Literatur von der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart. Hg.v. H.H.Krummacher, F.Martini u. W.Müller-Seidel. B. Zeller zum 65.Geburtstag. Stuttgart [Kröner)]1984, S.119-142;

-Max Kommerell (1902-1944), in: Die Wirkung Stefan Georges auf die Wissenschaft. Ein Symposium, hg. v. H.J. Zimmermann. Supplement zu den Sitzungsberichten der Heidelberger Akademie der Wissenschaften Philosophisch-historische Klasse, Bd.4, 1984;

-Beim Wiederlesen von Goethes „Wahlverwandtschaften“, in: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts. Tübingen [Max Niemeyer] 1985, S.1-20;

-Bildermodulation. Zur poetischen Verfahrensweise Goethes im „West-östlichen Divan“, in: Spiegelungen. Festschrift für H.J. Abs zum 85.Geburtstag. Hg. v. W. Knopp. Mainz (v.Hase & Koehler) 1986, S.251-277;

-Wie Napoleon den „Werther“ las, in: Heidelberger Jahrbücher XXXIV. Heidelberg [Springer] 1990, S.1-17;

-Disteln und Mohn. (Ein Scherflein zur Tradition poetischer Bilder), in: Das Subjekt der Dichtung. Festschrift für Gerhard Kaiser. Würzburg [Königshausen & Neumann] 1990, S.555-566;

-Wandlungen eines Gedichts: Hans Carossa, „Der Morgengang“, in: Hans Carossa. Dreizehn Versuche zu seinem Werk hg. v. H. Laufhütte. Tübingen [Max Niemeyer] 1991;

-Noch einmal- und vielleicht abschließend: „Schmerz“ oder „Schmutz“, in: DVjs 66 (1992), S.88-93;

–Mephistopheles- oder der vertane Aufwand, in: Gegenspieler, hg. v. Th. Cramer u. W. Dahlheim, München [Hanser] 1993, S.130-147;

-Deutlichkeit. Marginalie zu einem Hamann-Zitat Goethes, in: Literaturgeschichte als Profession. Festschrift für Dietrich Jöns hg. v. H. Laufhütte. Tübingen 1993, S.203-207;

-Briefstrategien. Hamann und Mendelssohn, 1762, in: Zwischen den Wissenschaften. Bernhard Gajek zum 65. Geburtstag. Hg. v. G. Hahn u. E. Weber u.a. Regensburg [F. Pustet] 1994, S. 236-257;

-Vom Geiste Heidelbergs, in: Text & Kontext. Aufklärung als Aufgabe. Festschrift für S.A. Jørgensen. Kopenhagen/München [W. Fink] 1994, S.347-358;

-Zarte Weltbemerkung- und auch derbe. Zu Goethes Lebensweisheit, in: Ein Band der Freundschaft. Horst Burgard zu Ehren. Für das Freie Deutsche Hochstift hg. v. M. Bierich, C.L.v.Böhm-Benzing u. R. Volhard. Frankfurt/Main [S. Fischer] 1999, S.136-160;

–Hamann und Shakespeare, in: Johann Georg Hamann und die englischsprachige Aufklärung. Acta des siebten Internationalen Hamann-Kolloquiums zu Marburg/Lahn 1996. Frankfurt/Main [Peter Lang] 1999, S.107-130;

-Goethe- an einen Gegenwärtigen erinnernd, in: Bayerische Akademie der Wissenschaften der Schönen Künste. Jb.13 (1999), S.199-229.

 

Festschrift und gewidmete Schriften:

Geist und Zeichen. Festschrift für Arthur Henkel zu seinem sechzigsten Geburtstag dargebracht von Freunden und Schülern und hg. v. H. Anton, B. Gajek, P. Pfaff. Heidelberg [Carl Winter] 1977;

Invalide des Apoll. Motive und Mythen des Dichterleids. Hg. v. H. Anton. Kolloquium anläßlich des fünfundsechzigsten Geburtstags von A. Henkel, veranstaltet 1980 in Heidelberg, mit Beiträgen v. G. vom Hofe, H. Timm, J. Hörisch, M. Frank, G. Kurz, H. Anton, P. Pfaff. München [W. Fink] 1982;

G. vom Hofe u. P. Pfaff, Das Elend des Polyphem. Zum Thema der Subjektivität bei Th. Bernhard, W. Koeppen und B. Strauß. Frankfurt/Main [Athenäum] 1980.

 

(*)Ein notwendiger Exkurs. Das „Internationale Germanistenlexikon“ verzeichnet das Entlastungsurteil der Spruchkammer Marburg vom Dezember 1946, geführt vom Universitätsarchiv Marburg unter dem Aktenzeichen 310 Nr. 2738c, nachzulesen auch in einem Beitrag der Zeitschrift EUPHORION von Gerhard Sauder (109,2015, S.235-245, das Spruchkammer-Urteil mit Zeugenaussagen und Begründungen S.242f.). Ernst Klee allerdings („Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945.“ Frankfurt/Main [S. Fischer] 2007) denunziert Henkel, indem er das Marburger Entnazifizierungsurteil mit einem Ausrufezeichen versieht, als habe sich Henkel selbst den „Persilschein“ ausgestellt. So beschädigt man die Person und auch die Reputation eines Lehrers und Gelehrten, ohne Quellen oder Beweise eines einzigen braunen Wortes vorzulegen. Zwar ist Klee, der sich durch die Aufdeckung der Verbrechen der Euthanasie einen Namen machte, 2013 verstorben, Mitarbeiter des Lexikons sind nicht genannt, aber eine Revision ist dringend angeraten. Bereits die Auswahlkriterien sind nicht zu durchschauen, das Lexikon nennt „Namen, die so oder so deutsche Kultur im Dritten Reich repräsentieren, […] Personen, die für die NS- oder Nachkriegskultur wichtig sind“, da kommt man bereits ins Grübeln, wenn man nur die äußeren Daten von Henkels Biographie kennt. Und obwohl ein Lexikon auf Vollständigkeit und Objektivität bedacht sein sollte, werden im Vorwort schon einmal Ausnahmen genannt, darunter die beiden mit Henkel in der Tagespresse „inkriminierten“ germanistischen Kollegen, die in der Tat eine Rolle in der Nachkriegskultur spielten, Walter Jens und Peter Wapnewski. Sie bekommen aber keinen Artikel im Lexikon, offensichtlich wirkt hier eine Öffentlichkeit, die Henkel nicht hatte. Aufgenommen werden „bis 1924 Geborene“, um dann von Personen abzusehen, die ohnehin nicht in diesen Zeitraum gehören, mit dem Argument der „Jugendsünde“, darunter auch eine spätere Berühmtheit nicht nur der DDR-Theaterwelt, die mit siebzehn Jahren 1944 noch der NSDAP beitritt, was offenbar nicht so interessant ist. In der Entscheidung, auch manche Germanisten unter „Kultur“ aufzunehmen, und manche eben nicht, zeigt sich, dass hier kein kompetenter Lexikograph arbeitete. Viele für die Nachkriegsgermanistik wichtige Namen fehlen (z.B. H. Cysarz, B.v. Wiese, P. Böckmann, W. Höllerer, H. Pongs, K. Stackmann, G. Fricke; erstaunlicherweise H.E. Schneider, u.a). Außerdem ist in diesem Bereich zunehmend Aufklärungsarbeit geleistet worden, es liegt mit dem Internationalen Germanistenlexikon (hg.v. Christoph König, 3 Bde. Berlin/New York 2003) ein Nachschlagewerk vor, das Klee als Referenz bemüht, aber dann im Quellen- und Literaturverzeichnis nicht nennt. Andere Philologien (z.B. deutsche Romanisten und Anglisten) und Nachbardisziplinen gehören offenbar nicht zur „Kultur“. Ältere und jüngere Germanisten (der Jahrgang Henkels ist mit ungefähr vier Personen vertreten) sind als Parteimitglieder mit den entsprechenden Eintrittsjahren aufgelistet; ihnen allen erspart Klee ein „persönliches“ Ausrufezeichen. Bedeutende Erkenntnisse, nämlich ob der Genannte z.B. auch Parteigänger war und dem Regime wissentlich zugearbeitet oder anderen geschadet hat, sind so nicht zu gewinnen. Der lexikalische Stil wird an vielen Stellen verlassen, wenn Zitate, verfälscht und aus dem Zusammenhang gerissen, präsentiert werden, mit absurden Folgerungen und plakativen Bewertungen. Es fehlen durchweg die vertriebenen Wissenschaftler, die doch „vor dem Vergessen gesichert“ werden sollten. Dafür findet man Martin Luther und Anton Bruckner (der das Pech hatte, in seiner Monumentalität von Hitler geschätzt zu werden), Beethoven, Chopin und Bizet. Lessing ist aufgenommen, weil die Medaille zu seinen Ehren nur an Arier verliehen wurde (seltsamerweise fehlt Goethe); Karl Kraus wie auch Max Kommerell werden verächtlich behandelt, wie es der Jargon des Dritten Reichs nicht besser hätte sagen können; das „Begriffslexikon“ belehrt, es habe zur HJ „keinen Beitrittszwang gegeben“, als ob es keine anderen Möglichkeiten gegeben hätte, Druck auszuüben, ab 1936 war die Mitgliedschaft Pflicht. - Und vieles Tendenziöse mehr, aus einer selbstgefälligen Urteilsanmaßung heraus formuliert. --
Sybille Hubach